Abschließende Betrachtung

Bei unserer Forschungsfrage ging es darum, die künstlerischen Konzepte von Kämpf-Jansen, Buschkühle und Billmayer zu vergleichen und diese mit einer Haribotüte in den Kunstunterricht einzubinden. Nachdem wir die Konzepte einzeln betrachtet haben, probierten wir einige Ideen in praktischen Selbstversuchen. Nun wollen wir darlegen, inwieweit Verbindungen zu den Konzepten untereinander vorhanden sind beziehungsweise in welchen Punkten sich die Konzepte voneinander unterscheiden.

Bei unseren Durchführungen haben wir festgestellt, dass der Aspekt des Alltäglichen bei allen drei Theorien im Mittelpunkt steht. Auch sind alle darauf ausgelegt, interdisziplinär und multimedial zu forschen. Das heißt, dass die SchülerInnen in ihrem Prozess individuell vorgehen können, was Medien und Materialien betrifft. Bei Buschkühle und Billmayer erfolgt der Prozess mit Hilfe von Aufgabenstellungen, die den SchülerInnen dennoch Freiräume eröffnen. Sie dienen vielmehr als eine Orientierungshilfe und benennen ein klares Ziel. Bei den bildorientierten Selbstversuchen war beispielsweise eines der Ziele, Alternativen für die Verpackung zu kreieren. Die explizite Realisierung liegt jedoch in der Hand der SchülerInnen. Bei Kämpf-Jansen ist die Freiheit der SchülerInnen am größten. In diesem Konzept steht die Forschungsfrage am Anfang der Betrachtung, wobei das Individuum selbst entscheidet, in welchen Bereichen es damit weiter arbeitet. In den Selbstversuchen wurden die Gummitiere beispielsweise in den Kontext der StreetArt überführt. Ebenso könnte man sich vorstellen, an den Inhaltsstoffen der Gummitiere weiter zu arbeiten oder die Form der Tiere für grafische Kunstproduktionen nutzen, was erkennen lässt, wie vielfältig die Möglichkeiten während des Prozesses sein können. Zu Beginn der Ästhetischen Forschung ist die Spannweite der künstlerischen Ausführungen nur bedingt zu benennen. Sie ergibt sich, wie bereits erwähnt wurde, im Verlauf des Forschens und kann sich nach individuellem Ermessen auf die jeweiligen Bereiche vertiefen. Im Gegensatz dazu, stellt Buschkühle den Aspekt des Künstlerischen absolut in den Vordergrund und benennt es als das Leitmotiv aller Prozesse des Projektes.

Bei der Erarbeitung der Theorie konnte festgestellt werden, dass Billmayer und Buschkühle Anführungen von Kämpf-Jansen zitieren. Die drei Konzepte greifen ineinander und beziehen Aspekte der anderen Modelle mit ein.
Hinsichtlich der praktischen Selbstversuche ist anzumerken, dass die praktischen Methoden Bezüge zu den jeweils anderen Konzepten aufgreifen. Sie sind quasi multifunktional. Einige Teilaufgaben der Kunstorientierung können ebenfalls bei der Bildorientierung oder Ästhetischen Forschung umgesetzt werden. So kann der Geschmackstest als Teilaufgabe in den kunstorientierten Erprobungen gleichwohl ein neuer Ausgangspunkt für die Ästhetische Forschung sein.
Das schriftliche Dokumentieren von Teilprozessen wird bei allen Konzeptionen angewandt, um wichtige Erkenntnisprozesse festzuhalten und eine Grundlage zur Analyse und Selbstreflektion der eigenen Arbeit zu schaffen. Darüber hinaus kommt dem kreativen Schreiben, zum Beispiel in Form von Gedichten, bei Buschkühle und Kämpf-Jansen eine Bedeutung zu.
Die Wissenschaft als Bearbeitungsbereich findet also – in Form dieser schriftlichen Auseinandersetzungen – bei allen drei Konzeptionen Anklang. Buschkühle und Billmayer forden dies jedoch nicht explizit. Die Wissenschaft kann Bestandteil sein, muss aber nicht.  Demgegenüber formuliert Kämpf-Jansen den wissenschaftlichen Aspekt als eigene These, die in der schulischen Realität (Stichwort Google und Wikipedia) jedoch meist vernachlässigt wird.

Eine weitere Gemeinsamkeit stellt zudem die Möglichkeit dar, die Imaginationskraft der Schüler auf vielfältige Weise zu fordern und zu fördern. Sowohl das Konzept Buschkühles als auch die von Billmayer und Kämpf-Jansen können deshalb und aufgrund der oben aufgeführten Aspekte als Konzepte der Gegenwart gelten und im Kunstunterricht zur Anwendung kommen. Inwieweit, bleibt letzlich aber dem Lehrer überlassen und sollte auch in Abhängigkeit der zeitlichen und räumlichen Situation sowie im Hinblick auf die zu unterrichtende Klasse entschieden werden.

Abschließend lässt sich festhalten, dass alle Konzepte künstlerische Denk-und Handlungsformen entfalten und die Initiative des Einzelnen (sowohl der Schüler als Produzenten als auch als Rezipienten) mobilisieren. Sie übernehmen schließlich Verantwortung für ihr Agieren und verfolgen eigene Wege des künstlerischen Ausdrucks und der Gestaltung. Dabei werden neben Bildkompetenzen auch die Kritikfähigkeit und die differenzierte Wahrnehmung geschult, denn die SchülerInnen werden zur Formulierung von selbstständigen Aussagen über ihre Produktionen als auch bezüglich der ausgehenden „Forschungsfrage“ befähigt. Insgesamt werden bei allen drei Theorien die Inhalte und Ausdrucksformen mit traditionellen oder neuen Medien in Beziehung gesetzt. Damit nehmen die Konzeptionen Bezug auf den erweiterten Kunstbegriff nach Beuys. Und: alle Ziele sind ein laufender Entwicklungsprozess und sind somit fächerübergreifend. Diese Erkenntnis offenbarte sich in unseren Erprobungen, denn die Teilaufgaben sprechen Inhalte weiterer Unterrichtsfächer an.

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Ästhetische Forschung in der Schule

Kämpf-Jansen entwickelte mit der Ästhetischen Forschung eine Konzeption, die zweifelsfrei Anwendung im Kunstunterricht der Gegenwart finden kann – die Frage ist nur, in welchem Rahmen.

Die Ästhetische Forschung geht davon aus, dass jeder „sein ästhetisches Vorhaben mit einem persönlichen Sinn versehen“ (s. These 1) können muss, das heißt, ein „Ding“ nach seinem Interesse wählt und sich damit auseinandersetzt. Im Unterricht könnte also beispielsweise die „Lieblingssüßigkeit“ Ausgangspunkt der Ästhetischen Forschung sein. Die relativ offene Vorgabe lenkt die Auswahl der Schüler, schränkt sie aber – führt man sich die Vielfalt des Süßwarenangebots vor Augen – nur soweit ein, dass am Ende unterschiedliche Ergebnisse zu einem gemeinsamen Thema erwartet werden können. Darüber hinaus kann neben der naheliegenden Variante, die Süßigkeit selbst in den Mittelpunkt zu stellen, beispielsweise auch der Werbeslogan oder Thomas Gottschalk (als Werbegesicht von Haribo) in den Mittelpunkt der Ästhetischen Forschung gestellt werden – die Möglichkeiten sind vielfältig.

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Es wird deutlich, dass die hier exerzierte Auseinandersetzung mit der ausgewählten Haribo-Tüte „Crazy Python“ zumindest für die Ästhetische Forschung nur exemplarisch gelten kann. Darüber hinaus verlangt das Konzept prozessorientiertes, individuelles und selbstorganisiertes Arbeiten – eine Formulierung klarer Aufgabenstellungen ist in diesem Zusammenhang also nur schwer möglich.
Die Fragen für die allgemeinen Rahmenbedingungen im Unterricht bleiben aber die gleichen: Wann und wie lässt sich Ästhetische Forschung im Unterricht einsetzen?

Neben der Möglichkeit, die Lebenswelt und persönliche Interessen der Schüler in den Unterricht zu integrieren und somit ein individuelles Arbeiten zu ermöglichen, sollten die möglichen Schwierigkeiten eines offenen Arbeitsprozesses bedacht werden. Die selbstorganisierte und selbst zu strukturierende Auseinandersetzung fordert von den Schülern hohe Motivation und kann an der einen oder anderen Stelle dazu führen, dass die Schüler die Lust verlieren. Im regulären Unterricht sollte der Lehrer an dieser Stelle also beratend und unterstützend zur Seite stehen, um „Durststrecken“ zu überwinden. Obwohl die Ästhetische Forschung im regulären Kunstunterricht durchaus Anwendung finden kann, stellt sich eine Projektwoche in meinen Augen als die geeignetere Variante dar. Dort kann nicht nur fächerübergreifend und intensiv gearbeitet werden; auch mit einer räumlichen (s. These 12) und zeitlichen Gebundenheit kann dort lockerer umgegangen werden.

Das „Texte lesen und Texte schreiben“ (s. These 11), das laut Kämpf-Jansen „neben allen anderen ästhetischen Ausdrucksformen“ steht, nimmt neben der eigentliche Ästhetischen Forschung einen hohen Stellenwert ein. Im Unterricht lässt sich das auf unterschiedliche Weise – beispielsweise in Form eines einfachen, vielleicht im Vorgang selbst gebundenen Notizbuches oder als künstlerisches Tagebuch – verwirklichen; in der Oberstufe ist bei entsprechenden Vorkenntnissen sogar eine Dokumentation mittels Blog denkbar.
Im Rahmen meiner praktischen Selbstversuche habe ich beispielhaft ein solches künstlerisches Tagebuch angelegt. Die Seiten zu diesem Artikel könnt ihr hier anklicken und ansehen:


Was bleibt ist die Frage nach der Bewertung. Während im Kunstunterricht in der Regel ein fertiges Produkt (Zeichnung o.ä.) am Ende einer Unterrichtseinheit steht, ist das „Ergebnis“ einer Ästhetischen Forschung zu Beginn ungewiss. Da Helga Kämpf-Jansen dem Prozess einen hohen Stellewert zukommen lässt, wäre einerseits eine Bewertung des Arbeitsprozesses möglich, für dessen Benotung jedoch im Vornherein Kriterien festgelegt werden sollten. Das künstlerische Tagebuch (bzw. die schriftliche Dokumentation) zeichnet die Arbeitsprozesse nach und könnte deshalb in die Bewertung einbezogen werden. Andererseits könnten sich die Schüler durch diesen Druck in ihrer individuellen Ästethischen Forschung eingeschränkt fühlen, sodass es ebenso möglich wäre, den Schülern am Ende die Entscheidung zu überlassen, ein „Produkt“ (evtl. inklusive der schriftlichen Dokumentation dazu) zur Benotung auszuwählen. Generell sollte jeder Lehrer individuell entscheiden; eine interessante Materialsammlung, die unter anderem die Frage der Bewertung vertieft, ist hier zu finden.

Und wie öffnest du deine Haribo-Tüte?

In meinem ersten Artikel überlegte ich, was Haribos „Crazy Python“ für mich noch sind, außer meiner Lieblingssüßigkeit. Abschließend sammelte ich ein paar Fragen, die mit dem alltäglichen Umgang zu tun haben, mit denen man sich in der Regel aber nicht näher beschäftigt. Eine davon war, wie ich (oder andere) eine Haribo-Tüte öffnen. In der Regel befindet sich am oberen linken Rand der Tüten eine kleiner Hinweis zum Öffnen in Form eines Pfeils. Aber ehrlich: Wer öffnet die Tüte schon so?

Die 9. These der Ästhetischen Forschung blieb mir im Gedächtnis, seit ich sie im Einführungskurs Kunstpädagogik im ersten Semester das erste Mal gehört hatte, sodass ich gerne damit arbeiten wollte.

9. Kunst darf lügen – zugunsten einer anderen Wahrheit
Im Rahmen ästhetischer Forschung ist die Spannbreite zwischen Authetizität und Fiktion, zwischen Schein und Sein, zwischen Dokument und verfremdender Transformation von medialen Bildern und alltäglichen Dingen nicht auslotbar. Im Verdichten, Verändern, Verformen z.B. wahrnehmbarer Gegebenheiten alltäglicher Erfahrung mit den Mitteln der Kunst entsteht eine andere Form der Wahrheit, die subjektiv ist und zugleich allgemein und somit Spiegel ästhetischer und geistiger Strömungen der Zeit.

Ein Artikel in einem Kochmagazin (Miriam Otto: How do you kill your bunny? In: Mutti kocht am besten 1/2014), in dem unterschiedliche Typen nach ihrem Schokohasen-Essverhalten psychologisch charakterisiert wurden, brachte mich auf die Idee, dasselbe – eher scherzhaft und im Sinne einer von mir erfundenen Wahrheit – mit dem Haribo-Tüten-Öffnungsverhalten zu testen. Und, welcher Typ bist du?

Der Eckenöffner
Er hält sich an die Anweisungen, die man ihn gibt – egal, ob sie vom Chef oder der Haribo-Tüte stammen. Der Eckenöffner ist perfektionistisch und tut genau das, was man ihm sagt. Leider aber auch nicht mehr. Deswegen sind seine Chacen im wahren Leben manchmal genau so begrenzt, wie die Öffnung der Haribo-Tüte klein ist.

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Der Aufschneider
Man muss sich nur zu helfen wissen: Der Aufschneider macht kein großes Aufhebens und greift immer direkt zur Schere, denn warum kompliziert, wenn es auch einfach und effektiv geht. Manchmal verlangt er aber auch schnell zu viel vom Leben und rennt mit seiner Direktheit geradewegs ins Verderben.

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Der Aufreißer
Er weiß, was er will und holt es sich mit Zielsicherheit. Er ist zielstrebig und selbstbewusst, hat aber einen weichen Kern und braucht deshalb manchmal einen wahren Freund, um sich über die Ungerechtigkeiten in der Welt zu beschweren.

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Der Beißer
Ebenfalls zielstrebig: Der Beißer. Er kämpft bis auf’s Fleisch, seine Absichten sind jedoch schwer zu durchschauen. Mal schüchtern und zurückgezogen, im nächsten Moment das blühende Leben und auf Party aus. Er weiß nicht, was er will und muss sich erst selbst finden.

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Wie oben bereits erwähnt, sind all diese „psychologischen Begründungen“ natürlich ganz und gar ausgedacht und bei Weitem nicht so ausführlich, wie sie ein interessierter Schüler formulieren könnte. Die  Anregung zum „Lügen zugunsten einer anderen Wahrheit“ wollte ich euch jedoch nicht vorenthalten.

Transformationen einer „Crazy Python“

Für diesen Artikel habe ich die Gummischlangen als Material erforscht und verschiedene Versuche durchgeführt, um es zu verfremden und schließlich eine neue „Crazy Python“ zu kreieren (auch passend zur ersten Aufgabe zum Konzept der Kunstorientierung). Ich habe die Gummitiere gezogen und entgegen der Anweisung auf der Packung (Vor Wärme und Feuchtigkeit schützen.) in kaltes und warmes Wasser gelegt. Durch Zerschneiden der einzelnen Schlangen und das Zusammenkleben der Schnittflächen ist eine Schlange entstanden, die zwar aus Teilen der „Crazy Pythons“ von Haribo besteht, durch die Zusammenstellung der Farben und die zwei Köpfe aber doch eine neue, noch verrücktere Dimension erreicht.

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Als ich die Schlange fertig hatte, kam mir die Idee in den Sinn, dass man sie neu zusammengefügt auch als Schmuck – nämlich als Armband oder Kette – verwenden könnte. Das Spiel mit dem Material wird hier also bereits zurück in einen Zweck überführt.

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Crazy Python unterwegs

Bei der Überlegung, wie die Gummischlangen in den Kontext der Gegenwartskunst gesetzt werden könnten, kam ich auf die Idee, die Schlangen an alltäglichen Orten zu „installieren“ und sie so zur „Streetart“ zu machen. Ideengeber dafür war Slinkachu, der bei seinem Projekt „Little People“ Figuren, die eigentlich für Modellbahnplatten bestimmt sind, in urbanen Räumen in Szene setzt.
Die Schlangen könnten also von den Schülern an allen möglichen, öffentlichen Orten – im Schulhaus, an der Bushaltestelle oder im Einkaufszentrum – in Szene gesetzt und fotografisch dokumentiert werden. Diese Umsetzung finde ich für  die Schule besonders geeignet, da inzwischen beinahe jeder Schüler ein Handy oder Smartphone hat. Die im alltäglichen Raum eingesetzten Schlangen können durch diese einfache Dokumentationsmöglichkeit am Ende in Form einer Sammlung präsentiert werden.

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Diese Variante nimmt auch Bezug auf Kämpf-Jansens 9. These: „Kunst darf lügen – zugunsten einer anderen Wahrheit“. Denn obwohl es sich bei den ausgesetzten Schlangen offensichtlich um keine echte handelt, werden Passanten die inszenierten Schlangen doch überrascht oder auch vergnügt bemerken.

Von der Schlangenhaut zum Geschenkpapier

Im Laufe der Ästhetischen Forschung zu den „Crazy Pythons“ suchte ich im Internet nach Bildern von echten Python-Schlangen (und stieß dabei außerdem auf die Information, dass es nicht „die Python“, sondern „der Python“ heißt). Da es zahlreiche Unterarten dieser Schlangenfamilie gibt, variieren auch die Muster und Farben der Häute. Das brachte mich auf die Idee, eigene „Schlangenmuster“ zu entwerfen.

Zu Beginn nutzte ich die Gummitiere und fertigte durch Umrisszeichnungen oder mittels Abdruck unterschiedliche Muster an. Schüler können hier u.a. Techniken nutzen, die sie aus dem Unterricht oder von zuhause kennen.

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Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten fielen mir die bunten Farben der Gummitiere auf. Ich erinnerte mich an die statistische Erhebung zur Verteilung der Sorten in einer Tüte, die ich zu Beginn meiner Ästhetischen Forschungen erstellt hatte. Diese nahm ich nun zur Grundlage und erstellte am Computer farbige Streifendiagramme, die als Grundlage für weitere Experimente mit Mustern dienten. Ich spielte mit den Balken, spiegelte sie und setzte sie neu zusammen, bis schließlich ein Schlangenmuster entstand, das zwar dem einer echten Schlange ähnelt, aber doch eindeutig als das Schlangenmuster einer „Crazy Python“ identifiziert werden kann.

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Im Anschluss daran experimentierte ich mit anderen Arten der Veranschaulichung und erstellte schließlich Kreisdiagramme. Die Übersicht fasst die Verteilung der Geschmacksrichtungen innerhalb der einzelnen Tüten erneut auf und stellt sie in visuell andprechender Form dar.
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Eines dieser Kreisdiagramme nutzte ich nun, um mit Mustern zu experimentieren, wobei die folgende Auswahl einen Teil der entstandenen Muster zeigt. Mit diesen könnte nun wiederum weitergearbeitet und beispielsweise eine eigene „Crazy Python“ kreirt und aus Pappmaché nachgebaut werden (passend zu dieser Idee). Es wäre aber auch denkbar, die Muster farbig auf A4-Papier zu drucken und als Geschenkpapier zu verwenden.

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Bei dieser Aufgabe, die aus vielen kleinen Schritten besteht, sich aber schließlich zu einem Großen zusammenfügt, steht vor allem die Kreativität der Schüler bzw. die Lust am Komponieren von Mustern im Vordergrund. Der Bereich der Wissenschaft zeigt sich hier wiederum in der Verwendung der Diagramme, während der Bereich der Kunst durch die Anwendung künstlerischer Strategien und im Unterricht gelernter Techniken eine besonders große Rolle spielt. Durch die Transformation der Muster hin zum Alltagsgegenstand kann hier aber durchaus vom Einbezug aller drei Bereiche (Kunst, Wissenschaft und Alltag) gesprochen werden.

Dieses praktische Vorgehen zeigt auch, wie eng die einzelnen „Stränge“ bzw. Ideen der Auseinandersetzung  miteinander vernetzt sein können (s. These 4). Am Anfang des Geschenkpapiers stand einerseits die Frage nach der Anzahl der Schlangen in einer Haribo-Tüte und andererseits das Beobachten der Schlangenhaut und das Experimentieren mit eigenen Muster. Das macht wiederum deutlich, wie weitläufig nur ein einziger Gedanke innerhalb einer Ästhetischen Forschung sein kann. Das könnte schließlich dazu führen, dass ein Schüler sich einzig und allein mit dem Muster einer Schlangenhaut auseinandersetzt, obwohl das mit dem Ausgangspunkt – nämlich der Lieblingssüßigkeit – nur noch wenig zu tun hat.

Meine Lieblingssüßigkeit – und was noch?

Am Anfang meiner Ästhetischen Forschung zur Haribo-Tüte „Crazy Python“ stehen ganz einfache, alltägliche Gedanken. Eine Auswahl:

Warum sind die Crazy Pythons eigentlich crazy?
Haribo vertreibt Gummibärchen in allen möglichen Farben und Formen, neben den Goldbären gibt es da noch „Happy Cola“, „Tropifrutti“, „Colorado“, aber auch Gummitiere wie „Weisse Mäuse“, „Pandas“, „Quaxi“ oder eben „Crazy Python“. Aber warum sind die Gummischlangen nun ausgerechnet crazy? Auffällig ist, dass in dieser Tüte Gummischlangen in sechs verschiedenen Farben bzw. Geschmacksrichtungen enthalten sind, während die anderen Tüten mit „Tiermotiven“ lediglich eine Sorte enthalten. Eine Erklärung könnte also die Farbenvielfalt sein. Denn während Schlangen in Wirklichkeit meist eine braun-grüne Haut haben, hat Haribo einen Crazy Python-Mix aus sechs Farben kreirt.

Wieviele Gummischlangen sind in der Haribo-Tüte?
Häufig ist es so, dass man sich in Vorfreude auf eine bestimmte Geschmackssorte eine Tüte Gummitiere kauft. Nach dem Öffnen der Tüte das böse Erwachen: Nur eine grüne Schlange! Ich habe fünf Tüten „Crazy Python“ ausgezählt und dabei folgendes festgestellt:

violett rot orange braun gelb grün gesamt
Tüte 1  3  2  2  6  7  6  26
Tüte 2  0  8  5  5  4  3  25
Tüte 3  3  8  3  4  3  5  26
Tüte 4  5  2  6  4  3  5  25
Tüte 5  3  7  3  5  3  3  24
Schnitt  2,8  5,4  3,8  4,8  4  4,4  25,2

Im Durchschnitt befinden sich also etwa 25 Gummischlangen in der Tüte, wobei am meisten rote und am wenigsten violette Schlangen enthalten sind. Das trifft sich gut, denn violett schmeckt mir gar nicht!

Schmecken die Gummitiere wirklich nach den Sorten, die auf der Packung stehen?
Eine Haribo-Tüte „Crazy Python“ enthält i. d. R. sechs Sorten mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen: Apfel, Zitrone, Erdbeer, Himbeer, Pfirsich und Cola, die auf der Packung mit klanghafte Namen betitelt werden. Wie bereits erwähnt schmeckt mir persönlich die violette Sorte „Royal Raspberry“ gar nicht, obwohl ich den Geschmack von frischen Himbeeren mag. Aber was ist eigentlich wirklich in den Gummitieren drin und nach was schmecken sie?
Auf der Liste der Inhaltsstoffe findet man neben den üblichen Zutaten für Gummibärchen (die an dieser Stelle wieder näher betrachtet werden könnten) folgende Frucht- und Pflanzenkonzentrate: Saflor, Apfel, Spirulina, Rettich, Süßkartoffel, Zitrone, Karotte, Kirsche, Aroma, Karamellsirup. Lediglich drei Produkte für die Geschmacksrichtungen tauchen also überhaupt in den Inhaltsstoffen auf. Die Sorten Himbeer, Erdbeer und Cola scheinen ohne ein „echtes“ Äquivalent hergestellt zu werden. Aber entsprechen die Sorten trotzdem den auf der Packung angegebenen Geschmacksrichtungen? Ich habe drei Personen mit verbundenen Augen alle sechs Sorten zum Geschmackstest gegeben. Mit folgendem Ergebnis:

 Tester 1  Tester 2  Tester 3
 Crazy Cola  Zitrone  Kirsche  Pfirsich
 Amazing Apple  Heidelbeere  Kirsche  Kirsche
 Paradise Peach  Cola o. Orange  Kirsche  Pfirsich
 Lucky Lemon  Apfel  Apfel  Heidelbeere
 Splashy Strawberry  Erdbeere  Orange o. Kirsche  Kirsche
 Royal Raspberry  Kirsche  Zitrone o. Kirsche  Pfirsich

Alles drei Tester waren sich im Verlauf immer wieder unsicher, zwei waren sich jedoch einig, dass „alles gleich und süß“ schmecke. Pro Tester ist maximal eine Geschmacksrichtung richtig erkannt worden, was deutlich macht, wie stark die Farben der Schlangen den Geschmack beeinflussen. Der Geschmackstest bestätigt wiederum den Blick auf die Inhaltsstoffe und lässt die Vermutung zu, dass die Farbigkeit (z. B. Saflor und Spirulina zum Färben) bei der Produktion im Vordergrund steht und der Geschmack hauptsächlich durch künstliche Aromen bestimmt wird.

Diese Fragen sollen exemplarisch für eine Auseinandersetzung in den Bereichen Alltag und Wissenschaft stehen, wobei eine Vielzahl weiterer, individueller Fragen möglich sind: Wann, wo und mit wem esse ich meine Lieblingssüßigkeit? Wie essen ich und/ oder andere meine Lieblingssüßigkeit? Wie öffnen ich und/ oder andere die Haribo-Tüte? Wie werden die Gummitiere eigentlich hergestellt? Wer gestaltet die Haribo-Tüte?
Der Bereich Alltag bietet eine gute Möglichkeit zum Einstieg in die Ästhetische Forschung: Man schaut sich das Objekt genau an, hinterfragt es, beobachtet sich und andere im Umgang damit. Aus diesen Fragen ergeben sich wiederum viele Möglichkeiten, in seiner Forschung voranzuschreiten. Zur Frage nach der genauen farblichen Verteilung innerhalb der Haribo-Tüten habe ich eine Tabelle angelegt. Dieses wissenschaftliche Vorgehen könnte beispielsweise durch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung (Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich beim ersten Hineingreifen meine Lieblingssorte aus der Tüte ziehe?) weitergeführt werden.

Was ist eigentlich „Ästhetische Forschung“?

Ästhetische Forschung – das klingt im ersten Augenblick sehr wissenschaftlich. Doch so wenig hat die Wissenschaft auch gar nicht mit dem kunstpädagogischen Konzept zu tun, das Helga Kämpf-Jansen 2000/2001 veröffentlichte. Kämpf-Jansen war nicht nur Kunstlehrerin, Künstlerin und Hochschullehrerin, sondern auch jahrelang Mitherausgeberin der Zeitschrift KUNST+UNTERRICHT. Hefte zum Thema Objekte und Dinge, Kitsch und Triviales, Mädchenbilder oder Bilder der Nacht sind unter ihrer Leitung entstanden – stets als Aufforderung zum eigenen Nachdenken und Handeln formuliert. (Sievert)

Diese Aufforderung findet sich auch in ihrer Konzeption wieder, die Kunst mit Alltag und Wissenschaft verbindet und „hierarchisch angelegte Denkmuster, polare Systeme und veraltete Ästhetikvorstellungen“ (Kämpf-Jansen, S. 7) verlassen und stattdessen künstlerische und wissenschaftlich orientierte Verfahren miteinander verknüpfen soll. Die immer neue Verbindung von ästhetischem Handeln, vorwissenschaftlicher Erfahrung und wissenschaftlichem Denken soll neue und andere Zugänge zur Welt, sich selbst und zu anderen eröffnen.

Um ihr Konzept auf den Punkt zu bringen, verfasste Helga Kämpf-Jansen „Fünfzehn Thesen zur Diskussion“, auf die an dieser Stelle nur per Link verwiesen werden soll, die aber im Laufe der Auseinandersetzungen noch das ein oder andere Mal Erwähnung finden werden. Ich persönlich verstehe diese Thesen als ein „Manifest“, als Zusammenfassung ihrer Ideen.
Beispielhaft möchte ich zwei Thesen herausgreifen:

3. Eine Frage haben
Etwas entdecken, erforschen, erfahren und für andere sichtbar machen wollen. Ästhetische Forschung bedarf – wie alle Forschungen – einer Frage, eines persönlichen Interesses, einer Idee oder eines speziellen Wunsches. Sie sind Motor und Motivation, etwas für sich zu erarbeiten, um es auch für andere sichtbar und erfahrbar zu machen.

4. Alles kann Gegenstand und Anlaß ästhetischer Forschung sein
Am Anfang kann eine Frage stehen, ein Gedanke, eine Befindlichkeit; ein Gegenstand, eine Pflanze, ein Tier; ein Phänomen, ein künstlerisches Werk, eine Person – fiktiv oder authentisch, ein literarischer Text, ein Begriff, ein Sprichwort u. a. m.

Anhand dieser beiden Thesen wird deutlich, dass im Kunstunterricht eben nicht immer eine kunstgeschichtliche Epoche oder ein Gemälde Ausgangspunkt von Diskussion und künstlerischer Produktion sein müssen, sondern auch das Lied, das einen nicht loslässt, oder die Lieblingssüßigkeit „erforscht“ werden können. Die Subjektbezogenheit des Konzepts, die Kämpf-Jansen direkt an den Anfang ihrer Thesen stellt, ermöglicht es jedem (Schüler), sein individuelles Interesse in den Mittelpunkt seiner Forschungen zu stellen.
Sinn der Ästhetischen Forschung ist es jedoch nicht, bereits zu Beginn ein fertiges Produkt oder Ergebnis zu erwarten. Vielmehr steht ein kontinuierliches, vernetztes Arbeiten im Vordergrund, bei dem i. d. R. ganz von allein etwas „Vorzeigbares“ entsteht. Alle Vorgehensweisen sollten nach Möglichkeit visuell, verbal oder schriftlich festgehalten und reflektiert werden. Es dient „zum Ausloten eigener Zugänge und Positionierungen“ (Kämpf-Jansen, S. 21) und kann zum Beispiel gut in Form eines künstlerischen Tagebuchs umgesetzt werden.
Am Ende der Ästhetischen Forschung, das sich im Schulkontext sicher nicht vermeiden lässt, steht schließlich eine große Sammlung an Notizen, Gedanken, Fotos, Bildern, Installationen, Gegenständen, Filmen etc.

Was soll nun aber mit diesem Ding – in unserem Fall der Haribo-Tüte – geschehen? Die Ästhetische Forschung „bedient sich aller zur Verfügung stehenden Verfahren, Handlungsweisen und Erkenntnismöglichkeiten aus den Bereichen der Alltagserfahrung, der Kunst und der Wissenschaft.“ (Kämpf-Jansen, S. 22)

Daraus ergeben sich in allen drei Bereichen zahlreiche Möglichkeiten.
Im Bereich der Alltagserfahrung soll hinterfragt, beobachtet und entdeckt, gesammelt, geordnet, arrangiert und präsentiert werden. Auch Kleben, Collagieren, Montieren, Ausschneiden, Malen, Skizzieren, Basteln und Nähen sind mögliche Verfahren.
Im Bereich der Kunst können Parallelen zur Kunstgeschichte oder zu aktueller Kunst gezogen werden. Auf praktischer Ebene kann skizziert, modelliert, gemalt, gedruckt, fotografiert, installiert, gefilmt oder transformiert werfen.
Im Bereich der Wissenschaft stehen hingegen wissenschaftliche Arbeitsmethoden im Vordergrund: Befragen, Erforschen, Recherchieren, Analysieren, Kategorisieren, Archivieren, Präsentieren, Kommentieren, Einordnen, Vergleichen etc. Die Auseinandersetzung mit philosophischen, psychoanalytischen, anthropologischen und religiösen Fragen ist dabei genauso möglich wie kunst- und kulturgeschichtliche, kunstwissenschaftliche und designtheoretische Exkurse. (Kämpf-Jansen, S. 19-23)

Es wird deutlich, dass sich unzählige Möglichkeiten entfalten, von denen einige erprobt und in den nächsten Artikeln vorgestellt werden sollen.
Literatur:
Kämpf-Jansen, Helga: Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag, Kunst und Wissenschaft. Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung. 3. Auflage. Salon Verlag, Köln 2002.
Sievert, Adehlheid: Helga Kämpf-Jansen – Ein Nachruf. Online unter: http://alumni-initiative-kunstpaedagogik.blogspot.de/2011/03/helga-kampf-jansen-ein-nachruf.html, aufgerufen am 07.07.2014.