Was ist eigentlich „Ästhetische Forschung“?

Ästhetische Forschung – das klingt im ersten Augenblick sehr wissenschaftlich. Doch so wenig hat die Wissenschaft auch gar nicht mit dem kunstpädagogischen Konzept zu tun, das Helga Kämpf-Jansen 2000/2001 veröffentlichte. Kämpf-Jansen war nicht nur Kunstlehrerin, Künstlerin und Hochschullehrerin, sondern auch jahrelang Mitherausgeberin der Zeitschrift KUNST+UNTERRICHT. Hefte zum Thema Objekte und Dinge, Kitsch und Triviales, Mädchenbilder oder Bilder der Nacht sind unter ihrer Leitung entstanden – stets als Aufforderung zum eigenen Nachdenken und Handeln formuliert. (Sievert)

Diese Aufforderung findet sich auch in ihrer Konzeption wieder, die Kunst mit Alltag und Wissenschaft verbindet und „hierarchisch angelegte Denkmuster, polare Systeme und veraltete Ästhetikvorstellungen“ (Kämpf-Jansen, S. 7) verlassen und stattdessen künstlerische und wissenschaftlich orientierte Verfahren miteinander verknüpfen soll. Die immer neue Verbindung von ästhetischem Handeln, vorwissenschaftlicher Erfahrung und wissenschaftlichem Denken soll neue und andere Zugänge zur Welt, sich selbst und zu anderen eröffnen.

Um ihr Konzept auf den Punkt zu bringen, verfasste Helga Kämpf-Jansen „Fünfzehn Thesen zur Diskussion“, auf die an dieser Stelle nur per Link verwiesen werden soll, die aber im Laufe der Auseinandersetzungen noch das ein oder andere Mal Erwähnung finden werden. Ich persönlich verstehe diese Thesen als ein „Manifest“, als Zusammenfassung ihrer Ideen.
Beispielhaft möchte ich zwei Thesen herausgreifen:

3. Eine Frage haben
Etwas entdecken, erforschen, erfahren und für andere sichtbar machen wollen. Ästhetische Forschung bedarf – wie alle Forschungen – einer Frage, eines persönlichen Interesses, einer Idee oder eines speziellen Wunsches. Sie sind Motor und Motivation, etwas für sich zu erarbeiten, um es auch für andere sichtbar und erfahrbar zu machen.

4. Alles kann Gegenstand und Anlaß ästhetischer Forschung sein
Am Anfang kann eine Frage stehen, ein Gedanke, eine Befindlichkeit; ein Gegenstand, eine Pflanze, ein Tier; ein Phänomen, ein künstlerisches Werk, eine Person – fiktiv oder authentisch, ein literarischer Text, ein Begriff, ein Sprichwort u. a. m.

Anhand dieser beiden Thesen wird deutlich, dass im Kunstunterricht eben nicht immer eine kunstgeschichtliche Epoche oder ein Gemälde Ausgangspunkt von Diskussion und künstlerischer Produktion sein müssen, sondern auch das Lied, das einen nicht loslässt, oder die Lieblingssüßigkeit „erforscht“ werden können. Die Subjektbezogenheit des Konzepts, die Kämpf-Jansen direkt an den Anfang ihrer Thesen stellt, ermöglicht es jedem (Schüler), sein individuelles Interesse in den Mittelpunkt seiner Forschungen zu stellen.
Sinn der Ästhetischen Forschung ist es jedoch nicht, bereits zu Beginn ein fertiges Produkt oder Ergebnis zu erwarten. Vielmehr steht ein kontinuierliches, vernetztes Arbeiten im Vordergrund, bei dem i. d. R. ganz von allein etwas „Vorzeigbares“ entsteht. Alle Vorgehensweisen sollten nach Möglichkeit visuell, verbal oder schriftlich festgehalten und reflektiert werden. Es dient „zum Ausloten eigener Zugänge und Positionierungen“ (Kämpf-Jansen, S. 21) und kann zum Beispiel gut in Form eines künstlerischen Tagebuchs umgesetzt werden.
Am Ende der Ästhetischen Forschung, das sich im Schulkontext sicher nicht vermeiden lässt, steht schließlich eine große Sammlung an Notizen, Gedanken, Fotos, Bildern, Installationen, Gegenständen, Filmen etc.

Was soll nun aber mit diesem Ding – in unserem Fall der Haribo-Tüte – geschehen? Die Ästhetische Forschung „bedient sich aller zur Verfügung stehenden Verfahren, Handlungsweisen und Erkenntnismöglichkeiten aus den Bereichen der Alltagserfahrung, der Kunst und der Wissenschaft.“ (Kämpf-Jansen, S. 22)

Daraus ergeben sich in allen drei Bereichen zahlreiche Möglichkeiten.
Im Bereich der Alltagserfahrung soll hinterfragt, beobachtet und entdeckt, gesammelt, geordnet, arrangiert und präsentiert werden. Auch Kleben, Collagieren, Montieren, Ausschneiden, Malen, Skizzieren, Basteln und Nähen sind mögliche Verfahren.
Im Bereich der Kunst können Parallelen zur Kunstgeschichte oder zu aktueller Kunst gezogen werden. Auf praktischer Ebene kann skizziert, modelliert, gemalt, gedruckt, fotografiert, installiert, gefilmt oder transformiert werfen.
Im Bereich der Wissenschaft stehen hingegen wissenschaftliche Arbeitsmethoden im Vordergrund: Befragen, Erforschen, Recherchieren, Analysieren, Kategorisieren, Archivieren, Präsentieren, Kommentieren, Einordnen, Vergleichen etc. Die Auseinandersetzung mit philosophischen, psychoanalytischen, anthropologischen und religiösen Fragen ist dabei genauso möglich wie kunst- und kulturgeschichtliche, kunstwissenschaftliche und designtheoretische Exkurse. (Kämpf-Jansen, S. 19-23)

Es wird deutlich, dass sich unzählige Möglichkeiten entfalten, von denen einige erprobt und in den nächsten Artikeln vorgestellt werden sollen.
Literatur:
Kämpf-Jansen, Helga: Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag, Kunst und Wissenschaft. Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung. 3. Auflage. Salon Verlag, Köln 2002.
Sievert, Adehlheid: Helga Kämpf-Jansen – Ein Nachruf. Online unter: http://alumni-initiative-kunstpaedagogik.blogspot.de/2011/03/helga-kampf-jansen-ein-nachruf.html, aufgerufen am 07.07.2014.

2 Gedanken zu “Was ist eigentlich „Ästhetische Forschung“?

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